Bielefeld verwirft das Zürcher Drogenmodell vorerst

Bielefeld verwirft das Zürcher Drogenmodell vorerst und setzt stattdessen auf Casemanagement, Schutzräume sowie bestehende Hilfsangebote.

Das viel diskutierte Zürcher Modell wird vorerst nicht zur Leitlinie der Bielefelder Drogenpolitik. Der Haupt-, Wirtschaftsförderungs- und Beteiligungsausschuss hat sowohl den Antrag der FDP als auch einen weitergehenden Änderungsantrag der Grünen mit Mehrheit abgelehnt. Damit ist die Debatte über neue Wege nicht beendet – sie soll jedoch auf Grundlage der vorhandenen Bielefelder Hilfsangebote weitergeführt werden.

Die FDP hatte verlangt, das Schweizer Vier-Säulen-Modell aus Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression auf seine Übertragbarkeit zu prüfen. Verbunden war der Vorstoß mit dezentralen Anlaufstellen und einer klaren Linie gegen eine offene Szene im Stadthallenpark. Die Grünen wollten daraus einen „Bielefelder Weg“ machen, ergänzt um eine Sozialambulanz und die Prüfung eines geduldeten Kleinsthandels unter Konsumierenden.

Gerade dieser sogenannte Mikrohandel gehört zu den umstrittensten Teilen der Zürcher Praxis und wäre nach deutscher Rechtslage nicht ohne Weiteres umsetzbar. Zürich verbindet seit den 1990er-Jahren medizinische und soziale Hilfen mit Prävention, Konsumräumen und einem konsequenten Vorgehen gegen organisierten Handel. Drei Einrichtungen versorgen dort nach Angaben des WDR rund 1.000 Abhängige und öffnen zeitlich versetzt. Bielefeld beginnt allerdings nicht bei null: Auch hier gibt es bereits einen Drogenkonsumraum, Streetwork und Beratungsangebote.

Im Stadthallenpark soll deshalb zunächst ganz praktisch nachgebessert werden. Ein Ruheraum in der Nähe der Stadthalle bleibt nach Angaben des Sozialdezernats grundsätzlich im Gespräch. Noch fehlen jedoch eine geeignete Fläche und eine tragfähige Finanzierung. Frühere Pläne für Sonnensegel sind vom Tisch, weil sie bei Regen, Wind und Kälte kaum Schutz bieten. Stattdessen prüft die Verwaltung wetterfeste Aufenthaltsmöglichkeiten, die den Bereich rund um die „Tüte“ entlasten sollen. Seit ein Zaun die nutzbare Fläche verkleinert hat, drängt sich die Szene dort enger zusammen. Das führt auch innerhalb der Gruppe häufiger zu Konflikten.

Ein eigener Bielefelder Weg überzeugt nur, wenn aus angekündigten Hilfen schnell konkrete und dauerhaft finanzierte Angebote werden.

Parallel setzt die Stadt auf ein mit ESF-Mitteln gefördertes Casemanagement. Betroffene sollen bei konkreten Problemen eng begleitet und gezielt in medizinische, soziale oder therapeutische Angebote vermittelt werden. Ziel ist es, Menschen zu stabilisieren und schrittweise aus der Szene herauszuführen. Polizei und Ordnungsamt bleiben Teil des Konzepts; Regelverstöße sollen weiterhin spürbare Konsequenzen haben.

Unsere Meinung: Die Absage an eine bloße Kopie aus Zürich ist nachvollziehbar. Weniger überzeugend wäre es allerdings, die Entscheidung bereits als ausreichende Strategie zu verkaufen. Ein Unterstand entschärft das Wetter, aber keine Sucht. Bielefeld braucht überprüfbare Ziele, feste Termine und genügend Fachpersonal – sonst wird aus dem angekündigten eigenen Weg nur ein weiteres Provisorium.

Weitere Informationen: Bielefeld.de