Gewerbesteuer in Ostwestfalen: Zwischen Hiddenhausen und Verl liegen Welten

Hiddenhausen hat den höchsten Gewerbesteuerhebesatz in Ostwestfalen. Die IHK warnt vor Folgen für Investitionen und Standortentscheidungen.

Für Unternehmen macht es in Ostwestfalen einen erheblichen Unterschied, auf welcher Seite der Stadtgrenze sie ihren Sitz haben. Die neuen Gewerbesteuerzahlen der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zeigen für 2026 eine ungewöhnlich große Spannweite: Während Verl einen Hebesatz von lediglich 355 Prozent verlangt, liegt Hiddenhausen inzwischen bei 552 Prozent. Dazwischen liegen 197 Hebesatzpunkte.

Damit führt ausgerechnet eine Gemeinde im Kreis Herford die ostwestfälische Rangliste an. Auf Hiddenhausen folgen Bielefeld mit 480 Prozent, Spenge mit 472 Prozent und Löhne mit 468 Prozent. Auch Enger gehört mit einem Hebesatz von 465 Prozent zur Spitzengruppe. Gütersloh liegt bei 463 Prozent, Minden und Vlotho jeweils bei 460 Prozent. Rödinghausen folgt mit 459 Prozent. Am anderen Ende der Tabelle stehen neben Verl auch Harsewinkel mit 370 und Schloß Holte-Stukenbrock mit 390 Prozent.

Gerade für eine wirtschaftlich stark vom Mittelstand geprägte Region sind diese Unterschiede bemerkenswert. Die Gewerbesteuer ist eine der wichtigsten eigenen Einnahmequellen der Kommunen. Der Hebesatz wird von jeder Stadt und Gemeinde selbst festgelegt und wirkt sich unmittelbar auf die Höhe der Steuerbelastung eines Gewerbebetriebs aus. Das Statistische Bundesamt weist für 2024 bundesweit einen durchschnittlichen Gewerbesteuerhebesatz von 409 Prozent aus.

Die IHK sieht die Entwicklung kritisch. Nordrhein-Westfalen liegt mit einem durchschnittlichen Hebesatz von zuletzt 450 Prozent bereits deutlich vor Niedersachsen mit 412 Prozent sowie Bayern und Baden-Württemberg mit jeweils 378 Prozent. Gerade für Unternehmen, die einen neuen Standort suchen oder Erweiterungsinvestitionen planen, könnten solche Unterschiede zunehmend eine Rolle spielen. Die Gewerbesteuer entscheide zwar selten allein über einen Standort, könne bei ansonsten vergleichbaren Bedingungen aber den Ausschlag geben, argumentiert die Kammer.

Die hohen Sätze lassen sich allerdings nicht allein mit dem Wunsch nach höheren Einnahmen erklären. Viele Rathäuser kämpfen mit steigenden Sozial-, Personal- und Zinsausgaben sowie höheren Baukosten und jahrelang aufgeschobenen Investitionen. Hiddenhausen etwa befindet sich in der Haushaltssicherung. Für 2026 hat die Gemeinde den Gewerbesteuerhebesatz von 552 Prozent offiziell festgesetzt; der Haushaltsausgleich soll nach dem derzeitigen Konzept erst 2035 wieder erreicht werden.

Genau hier liegt das Dilemma: Kommunen brauchen Einnahmen, um Schulen, Straßen, Verwaltung und soziale Aufgaben zu finanzieren. Gleichzeitig dürfen sie jene Unternehmen nicht aus dem Blick verlieren, die Arbeitsplätze schaffen und einen erheblichen Teil dieser Einnahmen überhaupt erst erwirtschaften.

Unsere Meinung: Ostwestfalen lebt von seinen mittelständischen Unternehmen. Wenn zwischen benachbarten Kommunen immer größere Steuerunterschiede entstehen, wird daraus mehr als eine Haushaltsfrage – es wird zu einem Standortproblem. Dauerhaft kann die Lösung deshalb nicht darin bestehen, bei Finanzlöchern regelmäßig den Gewerbesteuerhebesatz nach oben zu setzen. Bund, Land und Kommunen müssen vielmehr dafür sorgen, dass Aufgaben und deren Finanzierung wieder besser zusammenpassen.