Ostwestfälisch Wörterbuch: 100 Begriffe aus OWL von A bis Z
Wer „Ostwestfälisch" sagt, meint im Alltag meistens dreierlei: altes Platt, regionale Umgangssprache und eine bestimmte Art, Hochdeutsch zu sprechen.
Wer wissen will, wie Ostwestfalen-Lippe klingt, muss nicht unbedingt in ein Archiv gehen. Es reicht manchmal, morgens auf einem Wochenmarkt in Bielefeld, Minden, Detmold, Paderborn oder Rheda-Wiedenbrück stehen zu bleiben. Da wird nicht groß geredet, wenn drei Wörter genügen. „Muss ja„, sagt der eine. „Geht so„, sagt der andere. Und wenn etwas kaputt ist, misslungen oder schlicht erledigt, heißt es gern: „Is inne Dutten.“ Viel mehr Erklärung braucht es hier oft nicht.
Ostwestfälisch Wörterbuch
Ostwestfälisch ist dabei kein sauber abgegrenztes Museumsstück. Es ist kein einheitlicher Dialekt, der zwischen Porta Westfalica und Warburg überall gleich gesprochen würde. OWL umfasst die kreisfreie Stadt Bielefeld sowie die Kreise Gütersloh, Herford, Höxter, Lippe, Minden-Lübbecke und Paderborn; gut zwei Millionen Menschen leben in dieser Region. Zwischen Weser, Eggegebirge, Teutoburger Wald, Senne und Ravensberger Hügelland liegen sprachlich Welten im Kleinen.
Wer „Ostwestfälisch“ sagt, meint im Alltag meistens dreierlei: altes Platt, regionale Umgangssprache und eine bestimmte Art, Hochdeutsch zu sprechen. Das Platt gehört zum Niederdeutschen. In der westfälischen Dialektlandschaft wird zwischen mehreren Räumen unterschieden, darunter dem Münsterländischen, dem Südwestfälischen und dem Ostwestfälischen. In Lippe klingt manches anders als im Altkreis Halle, in Höxter anders als im Mühlenkreis, in Paderborn anders als in Bünde.
Viele Menschen sprechen heute kein Platt mehr, verstehen aber noch Wörter, Wendungen und Betonungen, die aus dem Niederdeutschen stammen. Genau dort lebt Ostwestfälisch weiter: nicht nur im Heimatverein, sondern im Pausenraum, in der Werkstatt, am Gartenzaun, beim Sportplatzdienst und in Familien, in denen Oma noch Wörter benutzt, die die Enkel erst einmal googeln müssten.
Dass die alten Mundarten weniger werden, ist keine gefühlte Wahrheit. Der LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) beschreibt seit Jahrzehnten einen Rückgang. Verschwunden ist die regionale Sprache trotzdem nicht. Sie steckt in Ortsnamen, Flurnamen, Familiennamen und in einzelnen lautlichen und lexikalischen Merkmalen der westfälischen Umgangssprache. Das Westfälische Wörterbuch wurde 2021 abgeschlossen und umfasst fast 90.000 Wortartikel.
Ostwestfälisch hat einen Ruf: knapp, trocken, manchmal störrisch. Das ist ungerecht und trifft doch einen Punkt. In anderen Regionen wird ein Problem wortreich umkreist. In OWL heißt es: „Dat is nix.“ Oder: „Kannze vergessen.“ Das klingt hart, ist aber oft nur ökonomisch. Sprache wird hier nicht ausgestellt, sie wird benutzt. Ein Satz muss arbeiten. Wenn er nichts leistet, kann er weg.
Dabei ist der Wortschatz erstaunlich bildhaft. „Plörre“ ist nicht einfach ein Getränk, sondern ein Urteil. Wer Kaffee als Plörre bezeichnet, hat ihn bereits abgeschrieben. „Bollerbuxe“ sieht man sofort vor sich. „Hibbelkopp“ braucht keine Diagnose. „Knötterpott“ sagt mehr über schlechte Laune als jede psychologische Umschreibung. Diese Wörter sind klein, aber sie bringen Szenen mit.
Einige Begriffe sind freundlich, andere derb, manche heute klar altmodisch. Man sollte sie nicht alle unbedacht nachsprechen. Gerade Schimpfwörter erzählen viel über Ton und Humor einer Region, aber auch über frühere Umgangsformen. Trotzdem gehören sie zur Sprachgeschichte. Wer sie sammelt, sammelt nicht nur Wörter, sondern Haltungen, Rollenbilder, Spott, Wärme und Alltag.
Der Wortkasten: 100 belegte ostwestfälische Begriffe
abber – ab, weg, amputiert – „abber Arm“ heißt amputierter Arm. Eines der trockensten Worte im OWL-Alltag.
allerbest – optimal, famos – das höchste regionale Lob.
anbölken – jemanden laut anfahren oder anblaffen.
auf Schlür sein – vergnügungssuchend unterwegs sein.
Awatt! – „Ach was!“ – Ausdruck des Widerspruchs oder Unglaubens.
Awelhans – von „übler Hanswurst“: Kasper, Nichtsnutz, Dummkopf.
beömmeln, sich – sich amüsieren, herzhaft lachen.
betüddern – beruhigen, besänftigen, jemanden sanft in den Schlaf reden oder ablenkend umsorgen.
Blag – nervender Nachwuchs – je nach Tonlage liebevoll oder grob.
Bölkhannes – Schreihals oder jähzorniger Mensch.
Bollerbuxe – viel zu weit geschnittene Hose.
Botten – Schuhe – regional verbreitete Bezeichnung, nicht nur für Stiefel, sondern für Fußbekleidung aller Art.
Bratskartoffeln – die in OWL verbreitete Aussprache von Bratkartoffeln – mit eingeschobenem Fugen-S, das viele Sprecher gar nicht bewusst wahrnehmen.
Bratze – ungezogenes, lärmendes Kind – abwertend, mit mehr Nachdruck als „Blag“.
Bütterken – Butterbrot, Stulle – der Grundbegriff, aus dem das Hasenbütterken hervorgeht.
Dahlschlach – Schlag gegen die Stirn oder Schläfe, auch: einen Schock bekommen – wer einen „Dahlschlach kriegt“, ist fassungslos.
dameln – herumalbern, ziellos herumspielen – verwandt mit „dölmern“, aber etwas lauter und unruhiger.
Deubel – regionaltypische Aussprache von Teufel – als Ausruf: „Der Deubel soll ihn holen.“
Dittken, läuft wien – läuft hervorragend, klappt wie am Schnürchen – „Dittken“ ist ein alter Groschen, der rund rollt.
dölmern – zweckungebundenes, gedankenverlorenes Vor-sich-hin-Spielen von Kindern – kein Blödsinn, sondern produktive Muße.
Dömpkern – heimlich, leise etwas Verbotenes tun oder vor sich hin werkeln – „Wat dömpkert denn da?“ heißt: Was wird da heimlich getrieben?
Döppen dichtmachen – die Augen schließen und schlafen gehen – im übertragenen Sinne auch: sterben. „Döppe“ ist das plattdeutsche Wort für Deckel.
Drämelpott – jemand, der sich Zeit lässt; Phlegmatiker.
drömeln – bummeln, ziellos herumtrödeln – laut NW der klassische Feierabend-Ostwestfale drömelt zuhause im Pölter rum.
dune – angeheitert bis mittelstark betrunken.
Fisematenten – Umstände, unnötiges Gerede, Ausflüchte – „mach keine Fisematenten“ heißt: keine langen Erklärungen.
Flötepiepen! – Typisch ostwestfälisch für „Denkste!“, „Von wegen!“, „Vergiss es!“
Frostköttel – kälteempfindlicher Mensch.
Gaffelzange – weiblicher Hausdrache, Typ Schwiegermutter.
Gedönsrat – neunmalkluger Wichtigtuer.
Gubiläum – die regional verbreitete Aussprache von „Jubiläum“.
Hasenbütterken – Butterbrot, das von Arbeit oder Ausflug unangetastet zurückgebracht wird – erkennbar an der harten Kruste und den nach außen gebogenen Rändern.
Hibbelkopp – hektischer, unruhiger Mensch.
inne Bauern – weit draußen auf dem Land.
inne Dutten – kaputt, misslungen, gescheitert. Kommt vom plattdeutschen „Dutt“ (Haufen) – was nicht mehr zu gebrauchen war, kam auf den Haufen.
inne Fissen sein – in Ordnung sein, passen.
inne Poofe – im Bett – „Poofe“ ist die regionale Bezeichnung für das Bett, vor allem das Kinderbett.
Jökeltrine – abwertend für eine ungepflegte Person – heute mit Vorsicht zu verwenden.
kabbeln – zanken, streiten – meist unter Geschwistern oder Kindern, leichtere Form des Streits.
kanonendicke sein – stark betrunken sein.
Käsemauken – übelriechende Füße oder Hände – direkte Kombination aus Käse (Geruch) und Mauke (Gliedmaß).
Össelkopp – ungepflegter Mensch, jemand, der keine Ordnung halten kann.
Pampe – breiige, unappetitliche Masse – kann Essen sein, das nicht schmeckt, oder allgemein Matschiges.
Patt – schmaler Weg.
Pättken – sehr schmaler Pfad – noch enger als ein Patt. Kommt vom plattdeutschen „Pattke“ (Fuß): ursprünglich mit den eigenen Füßen ausgetreten.
Pättkenschnüwer – altes, klappriges Moped oder Motorrad. Zusammengesetzt aus „Pättken“ (schmaler Weg) und „schnüwer“ (Schnaufer) – Feldwegschnaufer. Regional auch als „Pättkenschnöwer“ bekannt.
picheln – in schneller Frequenz Gläser mit Alkohol leeren.
Pinöckel / Pinorkel – Strick, kleines Werkzeug zum Herumstochern – in Gütersloh „Pinöckel“, in Paderborn „Pinorkel“. Ein und dasselbe Ding mit zwei Namen.
Plörre – schlechtes, dünnes Getränk – vor allem für wässrigen Kaffee. Ein Urteil, keine Beschreibung.
Plüdden – Lumpen, alte Fetzen, abgetragene Kleidung – im Herforder Sprachführer als Buchtitel verewigt.
Pölter – Schlafanzug, Pyjama – das wohl bekannteste OWL-Wort; auf dem Land sachliche Beschreibung, in der Stadt oft mit dem Bild des karierten Opa-Anzugs verbunden.
Pömpel – Pfahl, Pfeiler, Poller – nicht der Saugnapf aus der Toilette, sondern alles, was senkrecht im Weg steht.
prokeln / pruckeln – herumstochern, bohren – „im Pölter prokeln“ heißt, im Schlafanzug herumfingern. Gütersloh sagt prokeln, Paderborn pruckeln.
Pröppel – Klumpen, Brocken in einer Flüssigkeit oder Masse – etwa in der Pampe oder im Grütze-Brei.
proppevoll – überfüllt, bis auf den letzten Platz voll.
Püffken – kleines Feuer, Kokelstelle – meist von Kindern angezündet.
Puselchen – dickliche, etwas einfältige Person. Heute abwertend in doppelter Hinsicht (Körper + Intelligenz), daher mit Bedacht verwenden.
püttkern – Alkohol trinken, saufen – von familie.de als typisch ostwestfälisch belegt, neben dem bekannteres „picheln“.
quatern – reden, quatschen, schwatzen – vor allem für längere, nicht immer sinnvolle Redeschöpfe.
ramentern – laut schimpfen, rumpoltern, schreien und schimpfen mit viel Lärm – laut NW weiß das viele Jüngere nicht mehr.
rammdösig – verrückt, durcheinander, dumm.
Rawetta! – Ausruf der Überraschung oder Empörung – ungefähr: Na toll!, Jetzt reicht es!, Das gibt es ja nicht! Taucht in allen regionalen Quellen als echter OWL-Ausruf auf.
Vermuckt nomma! – „Verdammt noch mal!“ – der ostwestfälische Fluch ohne großes Drama.
Wechkomm – woher kommen, Herkunft – „wo biste wech?“ ist die Standardfrage nach der Herkunft; wer sie kennt, ist kein Zugereister mehr.
Wennerk – Maulwurf – laut familie.de das ostwestfälische Wort für das unterirdisch buddelnde Tier.
Zisselmänken – kleine Feuerwerkskörper.
Zissemänken – kleine, schmächtige Person.
Zuckerplörre – Limonade oder sehr süßes Getränk.
Zugange sein – beschäftigt sein, etwas in Arbeit haben – kann vieles bedeuten, je nach Kontext harmlos oder zweideutig.
Wer diese Wörter liest, merkt schnell: Ostwestfälisch ist kein bloßer Dialekt für Postkarten. Es ist ein Werkzeugkasten. Für Ärger gibt es „Knötterpott“. Für Murks „vermackelt“. Für schlechte Getränke „Plörre“. Für zu viel Betrieb „proppevoll“. Für Kinder, die einfach nur in ihrer Welt sind, „dölmern“. Diese Wörter sortieren den Alltag, manchmal liebevoll, manchmal gnadenlos.
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Interessant ist auch, wie viel Bewegung darin steckt. Das alte Platt war eine Sprache des Dorfes, der Landwirtschaft, des Handwerks, der Nachbarschaft. Heute ist OWL Industrieregion, Hochschulstandort, Pendlerraum, Zuzugsregion. In Paderborn mischt sich Studentensprache mit alten Ausdrücken, in Bielefeld Großstadtton mit Ravensberger Restbeständen, in Lippe klingen eigene Traditionen nach, im Mühlenkreis die Nähe zu Niedersachsen. Ostwestfälisch ist dadurch nicht ärmer geworden, nur unübersichtlicher.
Manche bedauern, dass immer weniger Menschen richtig Platt sprechen. Das ist verständlich. Mit jeder aussterbenden Mundart geht eine genaue Art verloren, die Welt zu benennen. Gleichzeitig entsteht im Alltag etwas Neues: ein Regiolekt, der nicht mehr vollständig Platt ist, aber auch nicht neutrales Nachrichtensprecherdeutsch. Dieses Zwischenfeld ist lebendig.
Ein Kind, das „Pättken“ sagt, weil der Opa es sagt, hat mehr gelernt als aus zehn Schautafeln. Sprache bleibt nur dann lebendig, wenn sie auch außerhalb von Vortragsräumen vorkommt – im Werkzeugschuppen, auf dem Schulhof, beim Schützenfest.
Ostwestfälisch passt zu dieser Region, weil es nichts beschönigt. Es kann schroff sein, aber selten hohl. Es ist sparsam, aber nicht arm. Es hat Humor, nur eben nicht immer mit Ansage. Wer hier sagt „Da kannze nich meckern„, meint oft ein ziemlich großes Lob. Wer „Muss“ antwortet, hat die halbe Lebenslage zusammengefasst. Und wer nach einem langen Tag feststellt, dass alles „inne Dutten“ ist, fängt am nächsten Morgen trotzdem wieder an.
Vielleicht ist genau das der Kern: Ostwestfälisch ist nicht nur eine Sammlung alter Wörter. Es ist eine Haltung zur Welt. Nicht zu viel Tamtam. Nicht jedes Gefühl auf den Marktplatz tragen. Erst mal gucken. Dann machen. Und wenn es klappt, sagt man nicht gleich „großartig“. Man sagt: „Geht doch.“ Das ist in OWL manchmal schon Begeisterung.