Sonntags in OWL einkaufen: Mehr Freiheit für Händler – aber nicht um jeden Preis

Die Debatte um offene Geschäfte am Sonntag erreicht OWL: Händler hoffen auf mehr Frequenz, Beschäftigte fürchten zusätzliche Belastung.

In Bielefeld, Gütersloh oder Herford kennt man das Bild: Wenn Leinewebermarkt, Michaeliswoche oder Stadtfest ist, füllen sich die Innenstädte. Dann werden Schaufenster wieder beachtet, Cafés sind voll, Familien bummeln durch die Fußgängerzonen. Und häufig ist auch ein verkaufsoffener Sonntag dabei. Genau um solche Tage ist nun bundesweit eine neue Debatte entbrannt.

Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel unterstützt die Forderung nach liberaleren Ladenöffnungszeiten am Wochenende. „Starre Regelungen passen nicht mehr zu den Bedürfnissen und der Lebensrealität von Verbraucherinnen und Verbrauchern“, sagt BEVH-Hauptgeschäftsführerin Alien Mulyk. Auch der Handelsverband Deutschland argumentiert, der Sonntag habe sich verändert: Gastronomie, Freizeitparks, Museen und Kinos seien geöffnet, während der Einzelhandel meist außen vor bleibe.

Für Ostwestfalen ist das mehr als eine Berliner Verbandsdebatte. Viele Innenstädte zwischen Minden und Paderborn kämpfen seit Jahren um Frequenz. Onlinehandel, hohe Kosten, Personalmangel und veränderte Einkaufsgewohnheiten setzen vor allem kleineren Geschäften zu. Der HDE rechnet bundesweit für 2026 mit einem weiteren Verlust von 4.900 Geschäften. Das klingt abstrakt, wird aber konkret, wenn in der eigenen Stadt wieder ein Ladenlokal leer steht.

In Nordrhein-Westfalen dürfen Geschäfte werktags, also auch samstags, rund um die Uhr öffnen. Sonntags bleibt die Ladenöffnung grundsätzlich verboten, Ausnahmen sind möglich. Bis zu acht verkaufsoffene Sonntage pro Jahr können Kommunen genehmigen. In Bielefeld öffneten die Geschäfte zuletzt etwa im Rahmen des Leinewebermarktes. Solche Anlässe funktionieren, weil sie mehr sind als bloß zusätzliche Verkaufszeit: Sie bringen Leben in die Stadt.

Trotzdem wäre es zu einfach, den Sonntag komplett freizugeben. Wer im Handel arbeitet, weiß, dass die Belastung schon heute hoch ist. Verdi warnt deshalb vor einer schleichenden Normalisierung der Sonntagsarbeit. Dieser Einwand ist berechtigt. Mehr Freiheit für Händler darf nicht bedeuten, dass Beschäftigte am Ende den Preis zahlen – mit schlechter Planung, dünnen Zuschlägen oder noch weniger Familienzeit.

Unsere Meinung: Ostwestfalen braucht keine Einkaufs-Sonntage nach dem Gießkannenprinzip. Sinnvoll wären aber rechtssichere, verlässliche und gut gemachte Sonntagsöffnungen dort, wo sie zu Stadtfesten, Kulturveranstaltungen oder touristischen Anlässen passen. Wer Innenstädte retten will, muss ihnen Gelegenheiten geben. Aber der Sonntag sollte ein besonderer Tag bleiben – nicht einfach ein weiterer Samstag mit anderem Namen.

Weitere Informationen: bevh.org