Geschichte Ostwestfalens: Wie die Region entstanden ist

Ostwestfalen war nie ein eigener Staat. Die heutige Region entstand aus vielen historischen Territorien, wurde im 19. Jahrhundert weitgehend preußisch geprägt und wuchs erst nach 1947 mit Lippe zur heutigen Region Ostwestfalen-Lippe zusammen.

Hermannsdenkmal als historisches Wahrzeichen in Ostwestfalen-Lippe

Wer die Geschichte Ostwestfalens verstehen möchte, muss deshalb zunächst einen Gedanken loslassen: Eine historische Landkarte mit einem klar abgegrenzten Gebiet namens „Ostwestfalen“ gab es über Jahrhunderte nicht.

Stattdessen bestand der Raum aus Fürstentümern, Grafschaften, geistlichen Territorien, freien Herrschaften und Städten. Erst politische Neuordnungen im 19. und 20. Jahrhundert schufen daraus die Strukturen, die Ostwestfalen heute prägen.

Vor Ostwestfalen: viele kleine Territorien

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war das heutige Ostwestfalen politisch stark zersplittert.

Zu den bedeutenden historischen Gebieten gehörten unter anderem das Fürstentum Minden, die Grafschaft Ravensberg, das Fürstbistum Paderborn, Corvey, die Reichsabtei Herford, die Grafschaft Rietberg und die Herrschaft Rheda.

Einige Gebiete standen bereits früh unter brandenburgisch-preußischem Einfluss, andere blieben lange geistliche oder eigenständige Herrschaften.

Eine besondere Stellung hatte Lippe. Das Gebiet entwickelte sich als eigene Grafschaft und später als Fürstentum beziehungsweise Freistaat und gehörte nicht zur preußischen Provinz Westfalen.

Deshalb sind Ostwestfalen und Lippe historisch nicht dasselbe – auch wenn beide Gebiete heute meist gemeinsam als Ostwestfalen-Lippe, kurz OWL, wahrgenommen werden.

Napoleon verändert die Landkarte

Eine grundlegende Neuordnung begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

1802 und 1803 gelangten im Zuge der Säkularisation und territorialen Veränderungen weitere Gebiete wie das frühere Fürstbistum Paderborn unter preußische Herrschaft. Wenige Jahre später änderte Napoleon die politischen Verhältnisse erneut.

Nach der preußischen Niederlage von 1806 gehörten Teile der Region zeitweise zum Königreich Westphalen oder zum Großherzogtum Berg.

Diese napoleonische Ordnung bestand jedoch nur wenige Jahre.

Nach Napoleons Niederlage wurde Europa auf dem Wiener Kongress neu geordnet – und damit begann ein Abschnitt, der für die Entstehung des heutigen Ostwestfalens entscheidend war.

1815 entsteht die preußische Provinz Westfalen

Im Jahr 1815 gründete Preußen die Provinz Westfalen. Sie wurde in die Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Minden gegliedert.

Der Regierungsbezirk Minden umfasste große Teile dessen, was wir heute als Ostwestfalen bezeichnen. Damit erhielten zuvor getrennte Gebiete erstmals einen dauerhaften gemeinsamen Verwaltungsrahmen.

1816 folgte die Einteilung in Kreise.

Aus historischen Herrschaften wurde damit zunehmend eine moderne Verwaltungsregion. Alte Grenzen und regionale Identitäten verschwanden allerdings nicht vollständig. Ravensberger Land, Mindener Land, Paderborner Land oder das Hochstift Paderborn sind Begriffe, die bis heute an diese ältere Geschichte erinnern.

Industrialisierung verändert Ostwestfalen

Im 19. Jahrhundert veränderte nicht nur die Verwaltung die Region. Auch wirtschaftlich begann ein grundlegender Wandel.

Besonders das Ravensberger Land und Bielefeld entwickelten sich zu einem bedeutenden Zentrum der Leinen- und Textilwirtschaft. Aus traditionellem Spinnen und Weben entstand ab Mitte des Jahrhunderts zunehmend industrielle Produktion.

1850 wurde bei Bielefeld die Spinnerei Vorwärts gegründet, wenige Jahre später folgte die Ravensberger Spinnerei. Eisenbahnanschlüsse beschleunigten den Austausch von Waren und Rohstoffen.

Aus dieser frühen Industrialisierung entwickelten sich später weitere Branchen. Maschinenbau, Nahrungsmittelindustrie, Möbelproduktion und zahlreiche mittelständische Unternehmen wurden zu wichtigen Bestandteilen der regionalen Wirtschaft.

Viele Strukturen, die heute für die Wirtschaft in Ostwestfalen typisch sind, besitzen deshalb Wurzeln im 19. Jahrhundert.

Ostwestfalen im Nationalsozialismus

Auch Ostwestfalen und Lippe waren Teil der nationalsozialistischen Diktatur.

Politische Gegner wurden verfolgt, jüdische Bürger entrechtet, vertrieben und deportiert. Synagogen wurden während der Novemberpogrome 1938 zerstört. Während des Zweiten Weltkriegs wurden auch in Betrieben und in der Landwirtschaft der Region zahlreiche ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt.

Lippe spielte bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme im Reich eine besondere Rolle: Bei der lippischen Landtagswahl im Januar 1933 betrieb die NSDAP einen aufwendigen Wahlkampf und wurde stärkste Partei.

Der Krieg hinterließ anschließend auch in ostwestfälischen Städten Zerstörungen und stellte die Region nach 1945 vor den Wiederaufbau.

Lage von Ostwestfalen in NRW
Lage von Ostwestfalen in NRW

1946 und 1947 entsteht die heutige Grundstruktur

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand Preußen endgültig von der politischen Landkarte.

Die britische Militärregierung gründete 1946 Nordrhein-Westfalen. Die ehemalige preußische Provinz Westfalen wurde Bestandteil des neuen Bundeslandes.

Doch Lippe war zunächst noch ein eigenes Land.

Das änderte sich Anfang 1947. Nach Verhandlungen zwischen Lippe und Nordrhein-Westfalen wurde das Land Lippe in Nordrhein-Westfalen eingegliedert. Die sogenannte Lippische Punktation regelte wichtige Bedingungen dieses Anschlusses und sah die Verbindung Lippes mit dem bisherigen Regierungsbezirk Minden vor.

Daraus entstand der heutige Regierungsbezirk Detmold.

Historisch selbstständiges Lippe und das preußisch geprägte Ostwestfalen befanden sich damit erstmals dauerhaft in einer gemeinsamen Verwaltungseinheit.

Diese Verbindung bildet die Grundlage der heutigen Region Ostwestfalen-Lippe (OWL).

Aus Verwaltungsgrenzen wird eine gemeinsame Region

In den folgenden Jahrzehnten wuchsen die verschiedenen Teile stärker zusammen.

Kommunale Gebietsreformen veränderten Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren zahlreiche Gemeinde- und Kreisgrenzen. So entstand beispielsweise 1973 das heutige vergrößerte Bielefeld, während ältere Kreise zusammengelegt oder neu zugeschnitten wurden.

Gleichzeitig entwickelten sich gemeinsame wirtschaftliche, verkehrliche und wissenschaftliche Strukturen.

Heute ist Ostwestfalen-Lippe als Wirtschafts- und Lebensraum weitgehend deckungsgleich mit dem Regierungsbezirk Detmold. Trotzdem sind die historischen Unterschiede weiterhin sichtbar.

Lippe besitzt bis heute ein ausgeprägtes eigenes regionales Bewusstsein. Ebenso haben Landschaften wie Minden-Ravensberg, das Paderborner Land oder das Kulturland Kreis Höxter ihre eigenen Traditionen.

Gerade deshalb ist Ostwestfalen keine historisch einheitliche Landschaft, sondern eine Region aus unterschiedlichen historischen Räumen, die mit der Zeit zusammengewachsen sind.

Wie Ostwestfalen zu Ostwestfalen wurde

Die Geschichte Ostwestfalens lässt sich deshalb auf drei entscheidende Entwicklungen verdichten:

Vor 1800 bestand die Region aus zahlreichen eigenständigen Territorien.

Ab 1815 verband die preußische Provinz Westfalen große Teile des heutigen Ostwestfalens im Regierungsbezirk Minden.

Seit 1947 bilden das historische Ostwestfalen und Lippe gemeinsam die Grundlage der heutigen Region Ostwestfalen-Lippe.

Wer Ostwestfalen verstehen möchte, sollte deshalb nicht nach einem einzelnen Gründungsdatum suchen. Die Region ist vielmehr das Ergebnis von Jahrhunderten politischer Veränderungen, wirtschaftlicher Entwicklung und regionaler Identität.

Genau diese unterschiedlichen Wurzeln erklären auch, warum Ostwestfalen heute gleichzeitig als zusammenhängende Region funktioniert und trotzdem so viele eigenständige Landschaften, Städte und Traditionen besitzt.

Häufige Fragen zur Geschichte Ostwestfalens

War Ostwestfalen früher ein eigenes Land?

Nein. Ein eigenständiges historisches Land Ostwestfalen gab es nicht. Das Gebiet bestand aus verschiedenen weltlichen und geistlichen Territorien und wurde später größtenteils Teil der preußischen Provinz Westfalen.

Seit wann gibt es Ostwestfalen?

Ein eindeutiges Gründungsdatum gibt es nicht. Für die heutige regionale Struktur war vor allem die Gründung der preußischen Provinz Westfalen 1815 und des Regierungsbezirks Minden wichtig.

Warum gehört Lippe historisch nicht zu Ostwestfalen?

Lippe entwickelte sich über Jahrhunderte als eigenständiges Territorium und später als eigenes Land. Es gehörte nicht zur preußischen Provinz Westfalen und wurde erst 1947 Teil Nordrhein-Westfalens.

Wann entstand Ostwestfalen-Lippe?

Die entscheidende Grundlage entstand 1947, als das bisher eigenständige Land Lippe mit dem früheren Regierungsbezirk Minden verbunden wurde. Daraus entwickelte sich der heutige Regierungsbezirk Detmold und die gemeinsame Region Ostwestfalen-Lippe.

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